Eine Gruppe von Inka-Meistern und Schamanen aus Q'eros, Hochanden, Peru

Bewahrer des alten Wissens

Die Q’eros: Nachfahren der Inkas

Die entlegenen Dörfer von Q’eros liegen auf bis zu 5.000m Höhe in der schneebedeckten Vilcanota-Gebirgskette, der höchsten im süd-östlichen Peru. Die Qero-Nation zählt heute etwa 3.000 bis 4.000 Menschen, die sich auf 14 Dörfer verteilen.

Die Q’eros sind bekannt als Bewahrer des alten Wissens und gleichzeitig gehören sie vermutlich mit zu den am meisten respektierten Mystikern der südlichen und zentralen Anden.

Der Inka-Meister und Schamane Juan Apaza Flores während einer heiligen Despacho-Zeremonie
Inka-Meister Francisco Apaza Flores, Schamane, Priester und Heiler, nach einer Despacho-Zeremonie am See von Humantay in den Hochanden

Mystiker, Priester, Wissende, Heiler

Die Praktizierenden oder auch die Meister dieser Tradition nennen sich paqo [pa-ko] – sie sind gleichzeitig Priester, Heiler, Schamane und Mystiker. Die Q’eros sind dabei aber auch einfache Bauern und eines der wenigen Völker Südamerikas, die das Wissen um die spirituelle Tradition der Inkas in einer sehr reinen Form bewahrt haben.

Entgegen der landläufigen Meinung sind sie vor 500 Jahren nicht vor den Spaniern aus den Städten in die Berge geflohen, sondern sie lebten dort schon immer. Ihrer Legende nach kamen Inkarí und Qoyllari, der erste Inka-König und seine Königin, in ihr Gebiet und brachten den Menschen dort Viehzuch, Ackerbau und die Webkunst bei, als sie von Wiraqocha geschickt wurden, ihr Königreich zu gründen. Daher bezeichnen sich die Q’eros auch als „Kinder von Inkarí“. 

Dr. Oscar Nuñez del Prado während einer Zeremonie 1955
Q'eros bei der Konstruktion einer Brücke 1955

Die Entdeckung der Q’eros

1949 lernte der Anthropologe Dr. Oscar Núñez del Prado einige Qero Indianer während des Festivals von Paucartambo kennen. 6 Jahre später (1955) führte er die erste westliche Expedition zu ihnen in die Hochanden und konnte später nachweisen, dass sie die Nachfahren des Inka-Adels waren. Zu diesen Merkmalen gehörten unter anderem

  • die Prophezeiung über die Rückkehr des Inka
  • die in ihre Kleidung eingewobenen Muster, die genau so aussahen wie auf den Zeichnungen des Inka-Adels, die die spanischen Chronisten vor 500 Jahren angefertigt hatten
  • das Wissen um die Quipus (Knotenschnüre), die statistische Angaben enthielten, wie beispielsweise zur Bevölkerung, zu Steuern und zur Landwirtschaft

Die Q’eros kennen Erzählungen über spanische Soldaten, die einst versucht hatten, in ihr Gebiet vorzudringen. Die wurden besiegt, indem kraftvolle Priester die Apus, die Spirits der Berge, um Hilfe baten. Daraufhin lösten sich große Felsbrocken aus den Bergwänden, fielen herab und erschlugen die Truppen.

Dr. Oscar Nuñez del Prado während einer Zeremonie 1955
Q'eros bei der Konstruktion einer Brücke 1955
Der Inka-Meister, Schamane und Heiler Ricardo Apaza Flores, ein Q'ero-Indianer aus den Hochanden von Peru
Augustin Machacca und seine Frau arbeiten gemeinsam in schamanischen Ritualen und Zeremonien der Inkas

Die Befreiung

Nachdem dieses indigene Volk bis in die 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts als Leibeigene von Großgrundbesitzern (hacendados) gelebt hatten, gelang es Dr. Núñez del Prado schließlich, sie aus diesem System zu befreien. Er ermöglichte es, dass sie von der Regierung ihr Land noch vor der offiziellen Landreform zurück erhielten.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhundert, stellen die Q’eros eine Gemeinschaft von lebendigen Zeitzeugen einer alten Kultur dar, die es uns ermöglichen, viele Einzelheiten aus der Vergangenheit Perus kennenzulernen. 

Dank der Arbeit von Wissenschaftlern wie Dr. Jorge Flores Ochoa, Juan Núñez del Prado oder auch Manuel Castillo Farfán ist heute sehr viel über diese último ayllu inka, die sogenannte „letzte Inka-Gemeinde“ bekannt. Der Kulturminister Perus bezeichnete die Q’eros einst als „nationales, lebendiges Kulturerbe“.  

Die Q’eros besitzen ein einzigartiges Wissen, das von alten spirituellen Praktiken über ihre berühmte Webkunst bis hin zum landwirtschaftlichen Knowhow reicht. So, wie die Inkas ein Archipel-System nutzten (eine Vielzahl kleiner landwirtschaftlicher Inseln in unterschiedlichen Höhenlagen), um Nahrungsmittel in verschiedenen Klimazonen anzupflanzen und Essen im Überfluss zu produzieren, wenden die Q’eros 500 Jahre später diese Technik noch immer an.

Häuser der Qeros in Qolpaqucho, einem kleinen Ort in den Hochanden von Peru
Q'eros, die indigene Bevölkerung der Hochanden von Peru, und Nachfahren der Inkas

Leben mit der Pachamama

Über drei unterschiedliche Ökozonen hinweg kümmern sie sich um ihre Schafe, Llamas und Alpacas (bis auf etwa 5.000m Höhe), bauen Gemüse wie Mais, Süßkartoffeln oder Paprika an (bis auf 3.600m Höhe) und schlagen Bambus oder Holz auf etwa 1.800m Höhe. Darüberhinaus sind sie für ihre Webkünste berühmt. 

Sie sind harte Arbeiter, die immer und jederzeit vollständig in die Natur eingebettet sind. Mit Hilfe von Ritualen und Zeremonien, genannt despacho, verbinden sie sich mit Mutter Erde (Pachamama) und mit den Apus, den Spirits der Berge, und bitten darum, dass ihre Ernten gut werden, ihre Tiere gesund bleiben und es ihnen selbst auch gut gehen möge. Ihr Leben ist geleitet und geprägt von Ayni, dem einzigen Gebot ihrer Tradition, das so viel wie „Geben und Erhalten“ oder auch „Austausch mit dem Universum“ bedeutet. Es handelt sich dabei um eine Art kosmisches Gesetz, das sowohl Teil des täglichen Lebens, als auch Teil einer übernatürlichen Ordnung ist. Eine ausführliche Beschreibung zu Ayni kannst du in diesem Artikel lesen. 

Es gibt daher viele Bewegungen, auch innerhalb der Regierung Perus, die den sogenannten „Fortschritt der westlichen Welt“ von den Q’eros fernhalten möchten, um sicherzustellen, dass sie ihre Tradition möglichst ungestört weiterleben.

Häuser der Qeros in Qolpaqucho, einem kleinen Ort in den Hochanden von Peru
Q'eros, die indigene Bevölkerung der Hochanden von Peru, und Nachfahren der Inkas
Die Inka-Meister Francisco Apaza Flores, Juan, Ricardo und ihre Familie mit Hans-Martin Beck und Freunden aus Italien
Die Inka-Meister Francisco Apaza Flores und Hans-Martin Beck mit ihren Familien in Cusco, Peru

Die Zukunft

Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern man Menschen mit diesem Argument den Zugang zu Strom, fließendem Wasser, einer umfassenden Ausbildung oder modernen Kommunikationsmitteln wie Mobilfunk oder Internet vorenthalten darf.

Sind Menschen berechtigt, andere Menschen zu sagen, was gute Lebensqualität ist oder welcher wirtschaftliche Wohlstand ausreicht?

Es gibt Organisationen, die diesen Fortschritt und die Geschwindigkeit dieser Entwicklung seit vielen Jahren mit den Q’ero-Ältesten zusammen planen und erfolgreich umsetzen. Denn die Worte von Dr. Oscar Núñez del Prado sind heute genauso wahr und weise, wie vor 40 Jahren:

Die Arbeit zugunsten der Q’eros muss weitergehen und wir müssen dafür Sorge tragen, dass dieses wichtige Volk nicht seine kulturelle Identität verliert.

 

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