Mullu Khuyas oder Chumpi Steine nutzen die Inkas und die Inka-Meister, um die schamanische Zeremonie Ñawi Kichay und Chumpi Away durchzuführen

Wie der Atem des Inka-Meisters die Blätter segnet

Einblick in ein heiliges Despacho

In diesem Artikel nehme ich dich mit zu einer Despacho-Zeremonie mit Don Martin Quispe, einem Hohepriester der Q’ero-Nation. Du erfährst, wie er in stiller Hingabe Blätter, Samen und Blumen zu einem Gebet an Pachamama legt. Als besonderes Highlight kannst du eine Audio-Datei hören, in der Don Martin seine heiligen Worte in Quechua spricht.

Don Martin Quispe Machacca merkt man seine 75 Jahre nicht an. Aufrecht sitzt er auf einem kleinen Hocker und blickt konzentriert auf die beiden Stapel Lorbeerblätter, die er jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger in seinen Händen hält. Langsam führt er diese an seine Lippen, pustet mehrmals kraftvoll hinein und beginnt in seiner Sprache Qechua zu sprechen. Zwischendurch führt er die Blätter zum Mund, gibt seinen Atem hinein und spricht dann weiter.

Fast scheint es, als würde er beten oder eine intensive Unterhaltung mit jemandem führen. Manchmal bewegen sich seine Arme und Hände hin und her, ein anderes Mal führt er sie rhythmisch vor und zurück, während er spricht. In einem Moment ist seine Stimme laut und klar, im nächsten Moment wieder weich, leise und zurückhaltend. 

Vor ihm liegt ein weißes Blatt Papier ausgebreitet, im Zentrum ein rundes Bett aus weißer Watte und darauf befinden sich zwei Figuren aus Zucker. Nun streckt er beide Hände nach vorne aus, die rechte Hand legt den Stapel von Lorbeerblättern unter die Watte auf der rechten Seite, die linke Hand legt den Blätterstapel auf die linke Seite. Seine Hände greifen die nächsten beiden Stapel mit Blättern und man ahnt, dass er auch diese zu den anderen Blättern in der Mitte legt, um den Kreis weiter zu schließen.

Nachdem Don Martin alle Blätter in einem Kreis in der Mitte platziert hat, greift er zu zwei Behältern mit weißem und braunem Zucker. Er öffnet zunächst den weißen Zucker, pustet sanft darüber und streut diesen über die Blätter auf der rechten Seite. Das gleiche macht er mit dem braunen Zucker auf der linken Seite.

 

Martin Quispe Machacca, einer von zwei verbliebenen Hohepriestern (alto mesayoq) der Inka-Tradition in Peru
Einblick in ein heiliges Despacho 1

 

Nach und nach nimmt er nun Samenkörner, Nüsse, Gewürze und Süßigkeiten, um sie – so jedenfalls scheint es – in einem bestimmten System und innerhalb einer bestimmten Struktur auf die Blätter zu legen. Nichts geschieht achtlos, nichts passiert zufällig, alles ist so vertraut und scheint seine Ordnung zu haben. Mal spricht der Meister heilige Worte, während er Reis und Schokosplitter hineingibt, mal lacht er, während er die kleinen Figuren aus Zucker betrachtet, dann wiederum macht er einen Scherz über den grünen Frosch aus Weingummi, den er in der Hand hält, und ein anderes Mal spricht er mit ein paar Maiskörnern, die er mit seinem Fingernagel sanft zurück an ihren Platz schiebt – offensichtlich wollten sie auf den Lorbeerblättern nicht so liegenbleiben, wie er sich das vorgestellt hatte.

Nachdem alle Zutaten hineingelegt und die grünen, großen Blätter mit den vielen verschiedenen Zutaten bedeckt sind, nimmt er eine weiße Blume, reißt davon vorsichtig die Blütenblätter ab und steckt sie liebevoll im Halbkreis unter die Lorbeerblätter auf der rechten Seite des weißen Papieres, so dass die Blütenblätter unter dem Lorbeer hervorlugen und ein interessantes Muster ergeben. Danach schließt er den Kreis auf der linken Seite mit roten Blütenblättern.

Nachdem er das getan hat, legt er zwei Baumwollfäden, einen roten und einen weißen, hochkant quer über das Despacho, streut Konfetti darüber und bringt einen Toast aus. Dazu nimmt er eine weiße Blume in die Hand, trennt den langen Blütenstiel ab, taucht die Blätter in ein Glas mit weißem Traubensaft und träufelt die Flüssigkeit über die rechte Seite des kleinen Kunstwerkes. Dazu spricht er heilige Worte, aus denen seine ganze Liebe, seine Weisheit und seine Erfahrung fließen.

 

Magie des Lebens ist der Einführungskurs in die Inka-Tradition

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Ein Freund aus Peru, der fließend Qechua und Englisch spricht, antwortete vor vielen Jahren auf die Frage eines Teilnehmers, was der Inka-Meister da sage, mit Tränen in den Augen: Er spricht zu schnell und seine Worte haben zu viele Bedeutungen, als dass ich es ad-hoc übersetzen könnte. Er spricht direkt mit unserer Seele und seine Worte berühren mich auf einer ganz tiefen Ebene. Ich fühle mehr, was er sagt, als dass ich es Wort für Wort wiedergeben könnte.

Nachdem der weiße Traubensaft verteilt wurde, macht er dasselbe noch einmal mit einer roten Blume und dem roten Traubensaft.

Zum Abschluss der Zeremonie streckt er seine beiden Hände aus, so dass die Handinnenflächen über dem Despacho liegen, und in stakkato artiger Geschwindigkeit beginnt er, seinen Segen zu sprechen. Es scheint, als rufe er an, als beschwöre und bete er, alles zur gleichen Zeit und mit solch einer Kraft, dass die entstehende Energie zum Greifen nahe scheint. Wie der Sprühnebel eines tosenden Wasserfalls umgeben und durchdringen seine heiligen Worte mit den Namen von Bergen und Spirits die Kleidung, den Körper und die Energieblase der Teilnehmer und hüllen sie ein.

Nach einer gefühlten Ewigkeit beendet er sein Gebet mit den Worten „gracias Pachamama, gracias apukuna“ – Danke, Große Mutter, Danke, ihr großen Beschützer. Mit beiden Händen klappt er die untere Kante des weißen Papiers nach oben und legt darauf die obere Kante, die er herunterklappt. Das gleiche macht er mit dem Papier auf der linken und rechten Seite. Danach verbleibt eine Hand auf dem Despacho, während er mit der freien Hand einen langen rot-weißen Faden zur Hand nimmt, diesen kreuzweise über das Päckchen gleiten lässt und es so mit beiden Händen verschließt und zu einem kleinen Kunstwerk verschnürt.

Nun werden die beiden Blumen, die er zum Eintauchen in den Traubensaft nutzte, unter die gekreuzten Fäden auf das Päckchen gelegt. Er nimmt nun die Ecken der prachtvollen, handgewobenen Decke, genannt tiqlla (tich•lia), manta oder mestana, faltet diese im Uhrzeigersinn und bedeckt damit das Papier.

Er geht zum offenen Kamin, stellt sich davor, pustet noch einmal seinen Atem in das Bündel und spricht den letzten Segen. Vorsichtig öffnet er die bunte Decke, nimmt das Despacho heraus, hält seine Hände furchtlos über die Flammen und legt das Papierpäckchen mitten in das lodernde Feuer. Zufrieden klatscht er kurz in die Hände, um dann die umstehenden Menschen zu umarmen.

Das Despacho, die Wunsch-, Heil- und Dankes-Zeremonie der Inkas, ist nun offiziell beendet.